
Ich bin fest davon überzeugt, dass Kunst und Kultur ein wichtiger Schlüssel sind, um den Strukturwandel im Rheinischen Revier besser zu begreifen, sich aktiv damit auseinanderzusetzen und ihn mitzugestalten. Auch bei der Suche nach neuen Identitäten und Heimaten, der Verarbeitung von Konflikten und für Beteiligungsformate sind Erinnerungsarbeit und -kultur sowie künstlerische Interventionen essenziell und gemeinschaftsstiftend. Am 25. Juni 2025 bereiste ich daher gemeinsam mit meinen Abgeordneten-KollegInnen Christina Osei (Vorsitzende des Ausschusses für Kultur und Medien im Landtag NRW) und Frank Jablonski (Sprecher der Grünen Landtagsfraktion für Kulturpolitik) im Rahmen eines Kulturtages #kultour das Rheinische Revier, um uns mit dem Stellenwert von Kunst und Kultur im Strukturwandel zu befassen.

Zuerst besuchten wir den Kraftwerkstandort Frimmersdorf, der als Digitalhub revitalisiert und eine Leuchtturmfunktion im Strukturwandel erfüllen soll. Auch eine kulturelle Nachnutzung durch den LVR ist vorgesehen und so könnte dieser Standort identitätsprägend für das Rheinische Revier werden. In unserem Austausch mit den Projektverantwortlichen kamen neben energetischen und regionalökonomischen Themen auch der Landschaftsschutz und die Anbindung des Geländes durch den ÖPNV zur Sprache. Der Rundgang über das weitläufige Gelände und insbesondere die Besichtigung der alten, 500 Meter langen und denkmalgeschützten Maschinenhallte waren besonders eindrucksvoll. Insgesamt ist klar, dass am Standort Frimmersdorf etwas wirklich Herausragendes für den Strukturwandel und die Region entstehen kann!





Weiter ging es mit einer Führung durch das Hausmuseum Inge Broska. Dieses fördert u.a. die Borderland Residencies für Künstler*innen, die sich mit der regionalen Identität und Erinnerungspraxis des Rheinischen Reviers befassen – z.B. Silke Schatz mit ihrem Projekt Manheim Calling. Das Haus ist eine Mischung aus Museum und Wohnhaus, eine Assemblage verschiedener Medien, Techniken und Artefakte. Inge verdichtet die Umsiedlungs- und erlebte Geschichte des Dorfes Otzenrath und ihre eigene Biographie in diesem eindrücklichen Gesamtkunstwerk. Es ist daher ein ganz besonderer Ort der Kunst und Kultur im Strukturwandel – die Seele des Dorfes Otzenrath Dorfes in einem Haus.
Anschließend besuchten wir das LVR-Kulturhaus Landsynagoge Rödingen. Das Haus ist eine ehemalige Synagoge aus dem Jahr 1841, die heute als Museum und Lernort dient. Während des Nationalsozialismus musste die religiöse Nutzung beendet und das Gebäude an einen nicht-jüdischen Eigentümer verkauft werden. Sie gehört zu den wenigen nahezu original erhaltenen Landsynagogen im Rheinland. Der Landschaftsverband Rheinland übernahm die Anlage im Jahr 1999, restaurierte sie und eröffnete sie 2009 als Kulturhaus. Die Einrichtung umfasst sowohl die historische Synagoge als auch das Wohnhaus der Familie Ullmann, die dort für über 200 Jahre ihren Lebensmittelpunkt hat und vermittelt anschaulich das jüdische Leben auf dem Land, insbesondere im 19. und frühen 20. Jahrhundert Mein besonderer Dank gilt der sehr engagierten Leiterin des Hauses, Monika Grübel, für ihre eindrucksvolle Führung.








Wir beendeten den Kulturtag mit der Finissage der Ausstellung „Begegnung & Bewegung an der Kante“ im Café Nr. 5 im Schwalbenhof in Berverath am Tagebau Garzweiler (mehr Infos dazu unten). In diesem Rahmen moderierte ich die Podiumsdiskussion „Kunst! Kultur! Kokolores? – Kein Platz für Protestkultur im Rheinischen Revier?“ zur Rolle von Kunst und (Protest-)Kultur im Strukturwandel. An der Podiumsdiskussion nahmen Prof. Dr. Ove Sutter (Empirische Kulturwissenschaft und Kulturanthropologie an der Universität Bonn), Dr. Marcel Schumacher (Leiter Kunsthaus NRW), Kerstin Schierhold (wissenschaftliche Referentin für das archäologische kulturelle Erbe der Region im LVR-Projekt geSCHICHTEn Rheinisches Revier), Astrid Wolters (Geschäftsführerin des Heimatvereins der Erkelenzer Lande e.V. und ehemalige stellvertretende Bürgermeisterin von Erkelenz) und viele engagierte Gäste teil.


Über den Fachtag berichteten die Neuss-Grevenbroicher Zeitung (Hausmuseum Inge Broska in Hochneukirch. Zu Besuch bei der letzten Bewohnerin von Alt-Otzenrath), das Café Nr. 5 (Wo und wie wird die ganze Geschichte des Rheinischen Reviers erzählt? Podium im Café Nr. 5 diskutierte eine möglichst vielschichtige Aufarbeitung der Jahrzehnte im Zeichen der Braunkohle), die Rheinische Post (Kritik an geplantem Tagebau-Dokuzentrum) und die Aachener Zeitung(Zukunft am Tagebaurand. Finissage wird zum Schauplatz für Kritik).




Pop-up Ausstellung “Begegnung & Bewegung an der Kante”
Die mittlerweile dritte Pop-Up-Ausstellung war vom 12. – 25. Juni im Café Nr. 5 im Schwalbenhof in Berverath zu sehen. Sie ist ein wachsendes Ausstellungsprojekt der Initiative Buirer für Buir, die die Besucher*innen mit auf eine Reise in die Geschichte des zivilgesellschaftlichen Widerstands gegen den Tagebau in der Region nimmt. Zeitzeugeninterviews, Artefakte und Dokumente, Bilderserien, Bücher und Videos sowie ein umfassendes Zeitungsartikelarchiv erzählen vom Engagement für die Bewahrung der Natur, des Klimas und des kulturellen Erbes der Region. Entstanden ist ein interaktives Informations- und Dokumentationsfundament, das die Geschichten und Initiativen von Menschen sichtbar macht und die Vielfalt zivilgesellschaftlichen Engagements in all ihren Ausdrucksformen repräsentiert. Langfristiges Ziel ist die Schaffung eines dauerhaften, lebendigen Erfahrungsraums, der interdisziplinäre und soziokulturelle Prozesse, partizipative Kunstaktionen sowie gesellschaftlichen Wandel in einen globalen und zeitlichen Zusammenhang stellt – und dabei das facettenreiche kulturelle Erbe der Region erfahrbar macht. Das von mir co-kuratierte Ausstellungsprojekt schafft eine Plattform für Bildung, Dialog und Engagement für eine lebenswerte Zukunft jenseits fossiler Energieträger und soll einen wichtigen Beitrag zur Bewusstseins- und Demokratiebildung leisten – und zum Handeln für nachhaltige Entwicklung.
Die Ausstellung hatte ein umfangreiches Begleitprogramm: So verlieh die Grüne Fraktion in der Landschaftsversammlung Rheinland im Rahmen der Vernissage ihren Regenbogenpreis an die Buirer für Buir und im weiteren Verlauf der Ausstellung wurde Tom Mefferts Film „Arnolds Erben oder wie sieht Demokratie aus?“ mit dem Regisseur angeschaut und diskutiert. Das Testimonial Lab präsentierte seine Ergebnisse und lud zur reflektierenden Diskussion ein. Des Weiteren referierte Prof. Dr.-Ing. Andreas Pfennig (Scientists for Future) über „Klima- und Krisenwendezeit – worauf kommt es wirklich an?“ und der Film “Nach der Kohle”, gedreht von Jugendlichen im Rahmen der Demokratiewerkstatt Rheinisches Revier mit vielschichtigem Blick auf die Situation in den Erkelenzer Dörfern, wurde gezeigt. Außerdem hat das Nell-Breuning-Haus folgende Videodokumentation der Ausstellung erstellt:
Die Pop-Up-Ausstellung war ein Erinnerungsprojekt von Buirer für Buir und wurde im Café Nr. 5 auf dem Schwalbenhof gezeigt. Das Café Nr. 5 wird gefördert von der Stiftung für Umwelt und Entwicklung in Nordrhein-Westfalen (SUE) und ist ein Projekt des Nell-Breuning-Haus. Ein Dank für diesen wichtigen Beitrag zur Reaktivierung der geretteten Dörfer am Tagebau Garzweiler geht daher insbesondere an das Nell-Breuning Haus, den Schwalbenhof und die SUE.

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